1. Kernaspekte und Methodik
- Soziales Ereignis: Konzerte werden als soziale Akte definiert, bei denen das Publikum durch eine gemeinsame Wahlhandlung eine „Selbstselektion“ vornimmt.
- Methodik: Die Studie basiert primär auf einer Untersuchung von 20 Berliner Publika aus dem Jahr 2000. Mittels Faktorenanalyse wurden diese in einem zweidimensionalen Koordinatensystem (dem „Konzertbesuchsraum“) verortet.
- Zentrale Variablen: Untersucht wurden soziodemografische Daten (Bildung, Alter, Beruf) sowie psychografische Merkmale wie Lebensziele, Mentalität und Musikgeschmack.
2. Der „Konzertbesuchsraum“ (Die vier Quadranten)
Die Publika lassen sich in vier Hauptbereiche unterteilen:
- Klassik-Quadrant: Sehr homogenes Publikum mit hoher Ähnlichkeit untereinander.
- Jazz-Quadrant: Bildet eine eigene Gruppe, die historisch eine starke Affinität zu Unkonventionalität und Distinktion aufweist.
- Rock/Pop/Dance-Quadrant: Weist die größte soziokulturelle Vielfalt und Streuung auf.
- Volksmusik-Quadrant: Hierzu zählen auch Schlager und Musicals, wobei das Musical-Publikum eine Brückenfunktion einnimmt.
3. Profile der wichtigsten Genres
| Genre | Altersstruktur | Bildungsniveau | Merkmale / Mentalität |
| Klassik / Oper | Eher alt (Ø 50 J.), Peak bei 60 J. | Extrem hoch (über 80% Abitur) | Anspruchsvoll, kontemplativ, wertschätzt Ordnung und Tradition. |
| Neue Musik | Jüngeres Gefälle als Klassik | Sehr hoch gebunden | Überwiegend männlich; Neigung zu unkonventionellen Ausdrucksformen. |
| Jazz | Kontinuierliche Alterung (Mitte 30 bis Mitte 40) | Fast so hoch wie Klassik | Sehr pluraler Geschmack; Ablehnung von Ordnungszwängen. |
| Rock / Pop | Tendenziell am jüngsten | Stark variierend (REM hoch, Modern Talking niedrig) | Musik als Teil des Alltags; Ablehnung von Kleidungsnormen. |
| Dance (Techno/House) | Sehr jung, geringe Streuung | Oft sehr hoch (z.B. WMF-Club) | Physische Stimulation, Eskapismus, narzisstische Komponente (Aussehen). |
| Schlager / Volksmusik | Ältestes Publikum (Ø 56 J.) | Eher niedrig (viele Hauptschulabschlüsse) | Hohe Konformität, Sicherheitsbedürfnis, Ablehnung „anspruchsvoller“ Musik. |
4. Übergreifende Befunde
- Bildung als Hauptfaktor: Der Besuch von Konzerten (auch populärer Musik) ist primär ein Phänomen des oberen Bildungssegments.
- Geschlechterverteilung: Frauen dominieren in der Klassik (ca. 60%) und im Schlager, während Männer bei Neuer Musik, Metal und Techno überrepräsentiert sind.
- Mikrosoziale Struktur: Hochkulturelle Publika (Klassik, Jazz) haben signifikant höhere Anteile an Ledigen und Kinderlosen im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt.
- Zukunft der Klassik: Ein dramatischer Einbruch wird erst ab ca. 2030 erwartet, wenn die geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“) aus dem Konzertbesuchsalter ausscheiden.
Hans Neuhoff: Konzertpublika – Sozialstruktur, Mentalitäten, Geschmacksprofile (PDF)