Der Impuls
„Das Problem besteht nun darin, zu entscheiden, ob dieser oder jener Gegenstand auf den Schreibtisch gehört oder nicht […]. Diese neue Raumordnung geschieht selten aufs Geratewohl. Sie entspricht in den meisten Fällen dem Anfang oder dem Ende einer bestimmten Arbeit […] [Es] sind Gegenstände, die für meine Arbeit zwar nützlich sind […] andere, die nicht unmittelbar nützlich sind […] oder die überhaupt nicht nützlich sind […] und die dennoch da liegen.“ — Georges Perec, „Denken/Ordnen“
Die Anleitung: Eine akustische Bestandsaufnahme
Wähle eine klangliche Situation aus deinem Alltag (dein Übezimmer, den Moment vor dem Einschlafen, die Wartehalle im Bahnhof). Deine Aufgabe ist es nicht, diese Klänge zu bewerten (schön/hässlich), sondern sie als akustische Objektezu inventarisieren.
1. Die Vermessung der Stabilität
Perec beschreibt seine Tischplatte als instabil und erst durch das Gewicht der Gegenstände „im Lot“ gehalten.
- Frage: Welcher Klang bildet das Fundament deiner aktuellen Umgebung? Ist es ein statisches Brummen (Kühlschrank, Rechnerlüfter) oder ein rhythmischer Puls?
- Übung: Beschreibe die „Stabilität“ dieses Grundgeräusches. Schwankt es? Trägt es die anderen, kleineren Klänge?
2. Nützliche vs. nutzlose Klänge
Unterscheide zwischen funktionalen Klängen (das Metronom, das Signal der Waschmaschine) und „Nippes“-Klängen (das zufällige Knacken des Parketts, das ferne Vorbeifahren eines Autos).
- Übung: Liste mindestens fünf Klänge auf, die „einfach nur da liegen“, ohne eine Funktion für deine aktuelle Tätigkeit zu haben. Beschreibe ihre Textur: Sind sie „zerbrechlich“ , „matt“ oder „überladen“?
3. Die Geschichte der Dauer
Einige Gegenstände bei Perec bleiben nur Minuten, andere Jahre.
- Übung: Achte auf die zeitliche Schichtung. Welcher Klang ist ein „Gast“ (ein kurzes Husten, ein vorbeiziehendes Flugzeug)? Welcher Klang hat sich „auf Dauer eingerichtet“ (das Ticken einer Uhr, das Rauschen der Heizung)?
4. Radikaler Verzicht auf das „usw.“
Perec schreibt, eine Bestandsaufnahme sei es erst dann, wenn man nicht „usw.“ schreibt.
- Die Herausforderung: Versuche, eine Minute lang absolut jeden hörbaren Reiz zu notieren. Wenn du fünf verschiedene Vögel hörst, schreibe nicht „Vogelgezwitscher“, sondern beschreibe fünf unterschiedliche akustische Ereignisse in ihrer individuellen Beschaffenheit.
Ziel der Übung
Es geht darum, die Musik (oder die akustische Umwelt) nicht als einen Fluss zu begreifen, in dem man badet, sondern als eine Ansammlung von Objekten, die man „abstauben“ , „sortieren“ und in ihrer schieren Existenz anerkennen kann.
Wie Perec sagt: Die Dinge liegen dort, weil uns daran liegt, dass sie dort liegen. Übertragen auf die Musik: Wir hören diese Details, weil wir uns entscheiden, ihnen einen Platz in unserer Aufmerksamkeit einzuräumen.