Der Artikel mit dem Titel „You Can Talk to Plants. Maybe You Should Listen.“ (erschienen am 11. Juni 2019 in der New York Times) befasst sich mit der akustischen Welt der Pflanzen und einer entsprechenden Kunstinstallation im Brooklyn Botanic Garden.
- Die Installation „Sonic Succulents“: Die Künstlerin Adrienne Adar macht mithilfe von Sensoren und Verstärkern die Vibrationen von Pflanzen hörbar, die für das menschliche Ohr normalerweise unbemerkt bleiben. Besucher können beispielsweise hören, wie Mais wächst oder wie Kakteen auf Berührung reagieren.
- Perspektivwechsel: Ziel des Projekts ist es, Pflanzen nicht als leblose Objekte, sondern als gleichberechtigte Mitbewohner des Planeten wahrzunehmen. Adar stellt fest, dass Menschen oft empathischer reagieren (sich sogar entschuldigen, wenn sie eine Pflanze anstoßen), sobald sie deren „Stimme“ hören.
- Wissenschaftliche Erkenntnisse: Der Artikel beschreibt, dass Pflanzen aktiv auf Geräusche reagieren.
- Mais wächst besser bei Frequenzen zwischen 200 und 300 Hertz.
- Bestimmte Töne können das Reifen von Tomaten verzögern oder Pflanzen helfen, Dürreperioden zu überstehen.
- Schallwellen leiten Wurzeln zum Wasser.
- Kommunikation: Pflanzen nutzen Vibrationen zur Interaktion. Beispielsweise geben manche Pflanzen ihren Pollen nur beim spezifischen Summen einer bestimmten Bienenart frei.
Link zum Artikel:
https://www.nytimes.com/2019/06/11/science/plant-sounds-brooklyn-botanic-garden.html
Musikalische Botanik bei John Cage
John Cage nutzte in seinen Werken Child of Tree (1975) und Branches (1976) Pflanzen als Aleatorik-Instrumente. Er verwendete unter anderem:
- Kakteen: Deren Stacheln er mit Kontaktmikrofonen verstärkte und mit Federn oder anderen Gegenständen zupfte.
- Pflanzenmaterialien: Erbsen Schoten, Blätter oder trockene Äste.
Parallelen zum NYT-Artikel
Es gibt faszinierende Übereinstimmungen zwischen Cages Kompositionen und Adars Installation im Brooklyn Botanic Garden:
- Die Technik der „Audiolisierung“: Genau wie Cage nutzt Adrienne Adar Sensoren und Verstärkung, um die eigentlich unhörbaren Vibrationen von Kakteenstacheln oder geriebenen Blättern für uns erlebbar zu machen.
- Wahrnehmung vs. Kontrolle: Der Artikel beschreibt, dass wir Pflanzen oft als Objekte betrachten, die wir kontrollieren. Cage hingegen gab durch den Zufall die Kontrolle ab und ließ die physikalische Beschaffenheit der Pflanze den Klang bestimmen.
- Empathie durch Klang: Adar berichtet, dass Passanten sich bei einer Palme entschuldigten, wenn sie diese berührten und dabei ihre „Stimme“ über Lautsprecher hörten. Cage erzeugte eine ähnliche Sensibilisierung, indem er das Publikum zwang, den winzigen, fragilen Klängen eines Kaktus zuzuhören.
Wissenschaftliche Bestätigung
Während Cage die Pflanzen eher als „Instrumente“ begriff, geht die aktuelle Forschung, die im Artikel erwähnt wird, noch einen Schritt weiter: Sie zeigt, dass diese Vibrationen für die Pflanzen selbst eine Form der Kommunikation und Reaktion auf die Umwelt sind. So reagieren Pflanzen beispielsweise spezifisch auf das Summen von Bienen oder nutzen Schall, um ihre Wurzeln zum Wasser zu führen.
Es ist fast so, als hätte die Wissenschaft (und die moderne Klangkunst von Adar) nun die empirische Grundlage für das geliefert, was Cage künstlerisch bereits in den 70er Jahren intuitiv erforscht hat: dass Pflanzen eine eigene, komplexe Schwingungsebene besitzen, die wir nur durch aufmerksames „Zuhören“ erschließen können.