Das Werk „Schallnachahmung, Wortschöpfung und Bedeutungswandel“ (1914) von Hans Hilmer ist ein faszinierender, wenn auch heute eher randständiger Beitrag zur Sprachwissenschaft. Hilmer vertrat die These, dass ein Großteil unseres Wortschatzes nicht durch abstrakte Konvention, sondern durch die Nachahmung von Naturklängen entstanden ist – die sogenannte Onomatopoesie (Lautmalerei).
Hier sind markante Beispiele und Ansätze aus seinem Denken, um zu verdeutlichen, wie der „Klang das Wort schafft“:
1. Die unmittelbare Nachahmung (Primäre Onomatopoesie)
Hilmer unterscheidet Laute, die direkt das Geräusch einer Handlung oder eines Objekts abbilden. Das Wort entsteht hier als akustischer Abdruck der Realität.
- Der Schlag-Laut: Wörter wie paff, piff, klatsch oder patsch. Hier erzeugt die plosive Artikulation (Lippen- oder Zungenverschluss) im Mund einen physischen Widerstand, der dem Aufprall in der Außenwelt entspricht.
- Das Zischen und Fließen: Wörter wie zischen, sausen oder lispeln. Der kontinuierliche Luftstrom beim Aussprechen imitiert das physikalische Geräusch von Wind oder strömendem Wasser.
2. Der Zusammenhang von Bewegung und Klang
Ein zentraler Punkt bei Hilmer ist, dass nicht nur der „Lärm“ nachgeahmt wird, sondern die Bewegungsart. Die Artikulationsorgane (Zunge, Lippen) führen eine Bewegung aus, die dem bezeichneten Vorgang analog ist.
- „Schlängeln“ und „Schleichen“: Das „Sch-“ verlangt eine breite, fließende Luftführung, die das Gleiten akustisch und motorisch nachvollziehbar macht.
- „Rollen“: Das vibrierende „R“ (Zungen-R oder Gaumen-R) imitiert die repetitive Erschütterung eines rollenden Gegenstandes.
3. Bedeutungswandel durch Laut-Analogie
Spannend wird es dort, wo Hilmer erklärt, wie abstrakte Begriffe aus diesen Klangbildern entstehen. Der Klang schafft das Wort, und das Wort wandert dann in die Abstraktion:
- Beispiel „Knabbern“: Ursprünglich das Geräusch beim Zerbeißen harter Dinge. Durch die kleinteilige, repetitive Bewegung der Mundwerkzeuge beim Aussprechen überträgt sich die Bedeutung später auf das „vorsichtige Wegnehmen kleiner Teile“.
- Beispiel „Beben“: Die Lippenbewegung beim „B“ (Verschluss und plötzliches Öffnen) wird als kleine Erschütterung wahrgenommen. Daraus formt sich der Begriff für eine zitternde Erdbewegung oder menschliche Angst.
Für Hilmer ist Sprache kein willkürliches Zeichensystem, sondern ein Echo der Welt. Das Wort ist bei ihm das Resultat einer ‚phonetischen Mimikry‘: Der Mensch formt seinen Atem so, dass er die kinetische Energie und die akustische Textur seiner Umwelt widerspiegelt. So wird aus dem harten Aufprall das Pock, aus dem sanften Fließen das Wallen und aus der Vibration das Zittern. Der Klang ist hier die Hebamme des Begriffs.
Quellen:
- Hilmer, Hans: Schallnachahmung, Wortschöpfung und Bedeutungswandel, Verlag Max Niemeyer, Halle (Saale) 1914.
- Geier, Manfred: Sprachphilosophie, Rowohlt (zur Einordnung onomatopoetischer Theorien).